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Süddeutsche
Zeitung vom 9. April 1996
Berater für das Unternehmen Staat
Fehlt der Politologie die praktische Ausrichtung?
Das Münchner Centrum für angewandte Politikforschung will Einfluß
nehmen.
Von Viola Schenz
Böse Zungen behaupten mit der Politikwissenschaft verhalte es sich
wie mit der Meteorologie: Beide sprechen von Dingen, über die sowieso
jeder redet. Beide bedienen sich einer Sprache, die keiner versteht. Und
beide stellen Prognosen auf, die sich nur in den seltensten Fällen
erfüllen.
Seine Arbeit mit vagen Wettervorhersagen zu vergleichen und ihm Realitätsferne
zu unterstellen, das wäre für das Team des CAP wohl die Beleidigung
schlechthin. CAP? Das Kürzel steht für "Centrum für
angewandte Politikforschung", hinter dem sich der Politologe Werner
Weidenfeld und eine 60-köpfige Wissenschafts-Armada verbergen. Im
vergangenen Oktober wurde das Centrum in München aus der Taufe gehoben
und bezog sein Quartier im ehemaligen Pfanni-Gebäude hinter dem Ostbahnhof.
Mit dem Versuch, politikwissenschaftliche Erkenntnisse direkt in die tagespolltische
Realität umzusetzen, will der Weidenfeld-Stab das Fach verändern.
"Politikforscher meiden vielfach den Umgang mit der Politik und schotten
sich in sprachlichen Gehäusen ab," heißt es im CAP-Mitteilungsblatt.
Das Centrum hat es sich daher auf die Fahnen geschrieben, "in Deutschland
zur Lösung politischer Probleme beizutragen."
Wie soll das funktionieren? Ein Beispiel: Die EU-Kommission in Brüssel
braucht regelmäßig aktuelle Daten über die Beitrittsfähigkeit
der ost- und mitteleuropäischen Staaten. Sie gibt bei der CAP-Forschungsgruppe
"Europa" jährliche Länderberichte in Auftrag: Die
Forscher analysieren, wie weit Demokratatie und Marktwirtschaft in den
jeweiligen Staaten bereits gediehen sind. Das Ergebnis ist keineswegs
eine rein statistische Aufstellung, es werden auch politische Schlußfolgerungen
gezogen: Die jüngste Studie etwa kommt zudem Ergebnis, daß
sich die Länder Ost- und Mitteleuropas durchaus auf dem Weg zur Beitrittsfähigkeit
befinden, sich die EU selbst aber zunehmend als reformunfähig erweist.
Das CAP legt Wert darauf, daß die Resultate seiner Forschungsarbeit
eine breite Öffentlichkeit erreichen. Die Länderberichte beispielsweise
werden nicht nur an die Auftraggeber bei der EU verschickt, sondern auch
großflächig an andere Interessenten verteilt und über
den Buchhandel vertrieben. Neben einem für ein wissenschaftliches
Institut ungewöhnlich hohen "Output" an Studien sind an
die Stelle der Röstkartoffel-Produktion im ehemallgen Pfanni-Gebäude
regelmäßige Vorträge, Podiumsdiskussionen und Foren, getreten.
Forscher auf dem freien Markt
Diese öffentliche Präsenz.des CAP ist manchen Professoren suspekt.
Kritik an der "praktischen Politologie" kommt vor allem aus
der "reinen Wissenschaft". Dort bemängelt man, daß
es den wissenschaftlichen Analysen des CAP zuweilen an Tiefe fehlt. "Doch
das kann man auch als Kompliment auffassen," meint CAP-Mitarbeiter
Patrick Meyer. "Wir legen Wert darauf, daß der Normalbürger
uns versteht - und auch der Politiker, der keine Zeit hat, eine 300seitige
Abhandlung zu lesen. Wir orientieren uns an den Realitäten anstatt
uns in Fußnoten zu verlieren."
Öffentliche Auftritte sind auch aus einem anderen Grund lebenswichtig
fürdas CAP; ein Elfenbeinturm-Dasein könnte sein Ende bedeuten:
Die Forschungsstätte ist zwar juristisch dem Geschwister-Scholl-Institut,
der politikwissenschaftlichen Abteilung der Münchner Universität,
unterstellt. Hier hat Werner Weidenfeld die Nachfolge von Kurt Sontheimer
angetreten. Abgesehen von seinem Lehrstuhl aber finanziert sich das Centrum
vollständig durch außeruniversitäre Mittel. "Wir
befinden uns damit auf dem freien Markt und müssen Dritte für
unsere Arbeit interessieren", sagt Weidenfeld. "Hier gibt es
niemanden, der sich jahrelang überlegt, ob er zu diesem oder jenem
Thema ein Buch schreiben soll. Wir müssen klare, terminlich festgelegte
Entscheidungen treffen."
Das Ganze erinnert an die Arbeit amerikanischer "Think Tanks".
Think Tanks sind Forschungseinrichtungen, die in der Regel im Auftrag
der Regierung politikwissenschaftliche Analysen erstellen. Die Militärsprache
des Zweiten Weltkriegs gab ihnen den Namen: Mit "Tank"- also
Panzer oder Zelle, ist ein sicherer Raum gemeint, in dem ungestört
und unabhängig geforscht und diskutiert werden kann.
Als Brücke zwischen Wissenschaft und Politik sind die Think Tanks
in den USA nicht mehr wegzudenken. Längst stellen sie beispielsweise
die Mehrheit der "Experten", die in den pofitischen Nachrichten-Magazinen
amerikanischer TV-Sender auftreten. Und sie sind zu einer Drehtür
für funktionslos gewordene Politiker geworden, die ihre praktische
Erfahrung im Regierungsgeschäft in die Forschungsarbeit einbringen,
während sie bei uns das Netz ihrer Partei aufängt.
Diese "Universitäten ohne Studenten" finanzieren sich in
erster Linie durch Regierungsaufträge und Spenden privater Geldgeber
wie Stiftungen und Firmen. Ähnlich verhält es sich mit dem CAP.
"Wir haben keine direkten Auftraggeber, wir haben die Idee für
ein Projekt und schauen uns nach passenden Geldgebern um", erklärt
Weidenfeld. Momentan gibt es rund 20 solcher "Partner", allen
voran die Bertelsmann Stiftung, die EU-Kommission und verschiedene Bundesministerien.
Mittler zweier Rationalitäten
Fehlen in Deutschland die Voraussetzungen für eine politische Kultur,
die Think Tanks wie das CAP möglich macht? "Uns fehlt diese
Tradition einer Verwebung aus Politik und Wissenschaft", sagt Weidenfeld.
"Das liegt daran, daß zwei verschiedene Formen der Rationalität
Wissenschaft und Politik trennen. Erstere ist systemorientiert, letztere
situationsorientiert. Das heißt, sie können nur im ständigen
Dialogzusammen funktionieren. Dieser Dialog findet aber nicht statt."
Genau diesen ständigen Dialog fordert Weidenfeld nicht nur, er praktiziert
ihn auch. Was ihm keine großen Schwierigkeit bereiten dürfte,
denn neben seiner Funktion als Hochschullehrer koordiniert er die deutsch-amerikanischen
Beziehungen im Außenministerium, berät den Bundeskanzler, gibt
die Zeitschrift "Internationale Politik" heraus, gehört
unter anderem dem Vorstand der Bertelsmann Stiftung und dem Club of Rome
an und moderiert regelmäßig die "Petersberger Gespräche"
zwischen Regierungschefs und Außenministern.
Woran die bisherigen Berührungsängste zwischen Politik und Wissenschaft
in Deutschland,auch liegen mögen, der CAP-Chef prophezeit der angewandten
Politikwissenschaft eine große Zukunft: "Wo sollen neue Impulse
herkommen; wenn nicht von unabhängigen Denkfabriken?" Und mit
dieser Prognose verhält es sich vermutlich nicht wie mit dem Wetterbericht.
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